Essen packt an!

Warm durch die Nacht - Tourbericht 13.06.2015

Man weiß gar nicht, wo man anfangen soll zu erzählen, so viel ist gestern an Eindrücken und Begegnungen auf uns eingeströmt. Es war wieder mal ein Wechselbad der Gefühle.
Die Stadt war sehr voll und trotz unserer längeren Tourenpause hatte es sich rumgesprochen, dass wir kämen. Der Bollerwagen war proppenvoll. Schon an der Marktkirche wurden wir von einem älteren Ofw’ler mit einem freudigen: “Ah, da seid ihr ja endlich!“ begrüßt.
Schnell waren wir umringt von unseren Leuten. Sie waren hungrig und freuten sich über unsere Kartoffelsuppe. Eine riesige Freude konnten wir ihnen auch mit dem leckeren Gebäck machen. Bäckerei Förster hatte wieder großzügig gespendet und nach den leckeren süßen Teilchen stand gestern vielen der Sinn. Dankbar wurde auch das Obst genommen, was wir mitbrachten.
Wir trafen den Punker H., dessen Wunde am Bein nun endlich gut verheilt ist. Ihn konnten wir mit einem Rucksack versorgen. Putzig, wenn dieser große schlaksige Kerl dann vor einem steht, seine Freude deutlich zeigt und sich so herzlich bedankt.
Auch J. bekam endlich den langersehnten Rucksack und Schlafsack. Schon vor zwei Wochen hatten wir ihn damit versorgen wollen, damals trafen wir ihn nicht und brauchten die Ausstattung dann notfallmäßig für jemanden anderen.
Aber nun sind wieder alle Ruck- und Schlafsäcke verteilt und es gab gestern bereits wieder neue Anfragen. Wir brauchen also dringend wieder Nachschub. Eine Frau konnten wir erst mal nur mit einer Isomatte versorgen. Sie soll in den nächsten Tagen zumindest schon mal eine Decke bekommen, braucht aber längerfristig ebenfalls einen Schlafsack.
Dann trafen wir unseren „Künstler“ S. Wir hatten ihm vor einiger Zeit Malzeug besorgt und er hatte mir versprochen, mir ein Bild zu malen. Das hatte er nicht vergessen. Stolz und strahlend überreichte er mir sein Bild und freute sich dann so sehr, als ich es bewunderte und ihm versprach, dass es bei mir zu Hause einen Ehrenplatz bekommen wird.
Und gleich danach ein ähnliches Erlebnis. C.D., dem wir vor einiger Zeit eine Mundharmonika besorgt hatten, spielte uns darauf vor. Er betonte, er habe extra geübt für uns.
Auch unseren Gitarren-Virtuosen Rubito trafen wir wieder und konnten uns nochmal für sein schönes Spielen auf unserem Jubiläumsfest bedanken. Zur Erinnerung hatten wir ihm Fotos von seinem Auftritt bei uns ausgedruckt und mitgebracht. Darüber hat er sich sehr gefreut.
Aber es gab auch wieder Momente, die heftig waren und auch uns an Grenzen brachten.
P. war wieder einmal in einem ganz schlechten Zustand. Es ist erschütternd, wie unterschiedlich einem der selbe Mensch an verschiedenen Tagen begegnen kann.
Ebenso St., der völlig am Ende war. Im Rausch hatte er alles verloren, Papiere, Handy, Rucksack.
Mit Drohungen, dann würde er irgendetwas tun, damit er in den Knast käme, versuchte er, von uns Geld zu bekommen. Seine Panik und Angst vor dem Entzug waren ihm deutlich anzusehen.
Er erklärte, im Knast ging es ihm besser, draußen käme er gar nicht klar. Wir Tourengänger waren in dem Moment etwas ratlos; wie ernst sind seine Drohungen, die er ja immer wieder ausspricht, zu nehmen. Wie kann man ihm helfen, wenn er doch jedes Hilfsangebot letztendlich ausschlägt. Noch kürzlich hatte er einen Klinikaufenthalt vorzeitig abgebrochen,. Dann fragte er nach Janita, mit der wir kurz über Handy Kontakt aufnahmen. Sie will sich um ihn bemühen.
Mir wurde bei diesen Erlebnissen nochmal ganz bewusst, wie sehr Alkohol- und Drogensucht

Menschen beherrscht und kaputtmacht.
Am Aufzug trafen wir noch eine junge schwangere Frau. Sie weinte verzweifelt. Seit Tagen sucht sie ihre Tasche, die ihr ein anderer weggenommen habe. Darin seien alle Papier, ihr Schlüssel und vor allem die Unterlagen für eine Einweisung ins Krankenhaus in den nächsten Tagen. Sie habe keine Chance, ohne diese Unterlagen in der Klinik aufgenommen werden zu können. Wenn wir ihr auch in dieser Sache nicht helfen konnten, so konnten wir ihr aber wenigstens etwas Gutes tun mit einer warmen Suppe. Sie beruhigte sich schließlich etwas. Aber es bleibt bei uns ein blödes Gefühl, wenn man in so einer Notsituation nicht richtig helfen kann.
Am Ende der Tour trafen wir nochmal den jungen Mann mit seinem 15 jährigen Hund Mogli. Auf dem hinweg hatten wir schon beide versorgt, aber Mogli weiß genau, dass auch er und seine Kollegen miteingeplant sind und wir immer ein Leckerchen für ihn haben. Und, wer kann diesem süßen Blick widerstehen? Ich jedenfalls nicht! Also gab’s ein weiteres Leckerli und intensive Streicheleinheiten, die Mogli sichtlich genoss. Sein Herrchen erzählte mir, dass Mogli trotz seines Alters noch recht fit sei und er inständig hoffe, dass Mogli noch lange lebe. Sie habe inzwischen ein wenig Probleme mit den Gelenken und einmal sei sie ihm zusammen gebrochen. Da habe er schon mit dem Schlimmsten gerechnet. Die beiden sind ein eingespieltes Team. Für ihn wäre es ganz furchtbar, wenn er Mogli verlöre!
Gegen 23 Uhr war unsere Suppe leer. Wir haben fast 80 (!) Portionen verteilt. Auch die riesige Menge an Gebäck konnten wir fast komplett weiter reichen. Ein wenig Brot ist übrig für die Tour am Montag. Sehr viele Leute konnten wir wieder mit Kleidung versorgen. Wenn man dann den leeren Bollerwagen zurückzieht, macht das sehr zufrieden.
Das Reinigen des Fahrrades brauchte dann auch noch seine Zeit und wir nutzten dabei die Gelegenheit, alles Erlebte Revue passieren zu lassen.
Kurz vor Mitternacht steckte ich meinen Schlüssel in die Haustüre und mir wurde in diesem Moment wieder einmal sehr bewusst, wie reich ich selber bin mit einem Zuhause, einem Menschen, der auf mich wartet und einem gemütlichen Bett, in das ich arg müde hinein durfte.



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