Essen packt an!

Warm durch die Nacht - Tourbericht 05.08.2015

Diesmal wurde es eine regelrechte „Naschtour“, denn wir hatten eine ganz großzügige Spende von der Bäckerei Förster erhalten. Neben Brötchen und Brot gab es dieses Mal ganz viel Kuchen und sehr leckere Teilchen mit Obst, Pudding oder Schokolade. Das war für uns ein tolles Gefühl, zu starten mit dem Wissen, unsere Lieben nach der Suppe noch mit einem süßen Nachtisch überraschen zu können.
Wir wussten, dass Micha dieses Gebäck um 18:30 Uhr bringt und verweilten deshalb länger als sonst auf dem Viehofer Platz. Dadurch, dass unser Tourmitglied Michael uns genialerweise auch Brötchen mitgebracht hatte, konnten wir nun bereits diese mit Suppe ausgeben. Inzwischen besorgten wir das Wasser für Kaffee und Tee. Während wir noch auf Michael warteten, wurden wir Zeuge, wie 5 Meter neben uns ein Dealer Drogen an den Mann brachte. Es schien ihn überhaupt nicht zu stören, dass wir ihn dabei beobachteten. Das hat uns ziemlich erschüttert.
Rund ums Suppenfahrrad war dann auch schnell eine Menge los und es wurde schnell aufregend und unruhig.
Wir hatten A. bereits gesehen, wie sie am Brunnen ihre Kleidung auswusch. Nun kam sie zu uns an den Bollerwagen und fragte nach einer Hose. Während wir noch danach suchten, entdeckte sie eine Jacke auf dem Wagen, die sie auch noch haben wollte. Es folgte noch eine lange Wunschliste und ihre Stimme wurde dabei immer lauter und fordernder. Unaufhörlich schilderte sie laut, welche Probleme sie gerade hat. So haben

wir sie schon oft erlebt. Sie ist dann kaum zu beruhigen. so dass wir sie schließlich energisch zurechtwiesen, insbesondere, da wir sie in den letzten Wochen komplett mit Kleidung ausgestattet hatten. Immer wieder klagt sie dann, es sei weg, geklaut, verloren oder ähnliches. Wir machten ihr deutlich, dass wir auch noch anderen Frauen in Not helfen wollen, und dass nicht alles auf unserem Wagen ausschließlich für sie gedacht ist. Wir versorgten sie noch mit Hygieneartikeln und einem Stück Seife, womit sie ihre Kleidung auswaschen wollte. Unser Hinweis, dass sie das aber bitte nicht an dem Brunnen tun sollte, ignorierte sie und betonte, das sei ihr ganz egal, ob man das dort tun könne oder nicht.
Dann trafen wir M. wieder, die wir vor Wochen einmal in einem schlimmen Zustand nach einer OP in der City aufgefunden hatten. Damals wollten wir ihr den Rettungswagen rufen, doch sie lief davon. Wir erkundigten uns, wie es ihr geht und sie zeigte uns gleich ihre Narbe auf dem Oberschenkel, die gut verheilt zu sein schien. Dafür hatte sie jetzt ein blaues Auge und eine frische Nahtstelle darüber. Es seien Folgen eines epileptischen Anfalls, erzählte sie. Wir wissen, dass sie im 6. Monat schwanger ist und fragten sie deshalb gezielt, ob sie in ärztlicher Betreuung sei. Sie machte etwas verwirrende Angaben, gab mehrere Ärzte in unterschiedlichen Städten an, zur Schwangerenbetreuung, für die Methadonversorgung und für die Behandlung ihrer Epilepsie. Das Methadon wolle man ganz allmählich jetzt ausschleichen. Das wäre wichtig, denn sie habe schon einmal ein Kind verloren, weil es damals zu schnell gemacht worden sei. Wir empfahlen ihr dringend, ihre Schwangerschaft ganz engmaschig kontrollieren zu lassen. Irritiert hat uns auch, dass sie immer noch keinen Mutterpass hat. Sie erwähnte aber, dass man bereits ein Ultraschallbild gemacht hat, was sie aber nicht besitzt, weil sie es hätte sonst bezahlen müssen. Und dann fiel bei uns der Groschen: sie ist die Freundin unseres J., mit dem wir oft über sie gesprochen hatten und umgekehrt mit ihr über ihn. Da wir sie aber nie zusammen gesehen hatten, brachten wir ihre Schilderungen bisher nicht in Zusammenhang. J. hatte uns bei einer der letzten Touren doch noch gebeten, einmal mit ihr zu sprechen und sie zu beraten. Er selbst erschien dann auch noch am Suppenfahrrad, war aber dieses Mal stark alkoholisiert. Wir wissen, dass er bald einsitzen muss. Was wird dann aus seiner Partnerin?
Nun ist uns klar, warum die beiden eine solche Angst vor dem Jugendamt haben. Die Situation erscheint uns völlig verfahren und es bedarf dringend professioneller Hilfe!
Nachdem wir nun auch unsere Körbe und Rucksäcke mit dem leckeren Gebäck gefüllt hatten, zogen wir weiter.
In einem großen Kreis saß eine Gruppe Punker an der Marktkirche. Sie hatten kaum Hunger, so dass wir bald weiterzogen zum Dom. Noch auf dem Weg wurden wir wieder eingeholt von unserer A., die nun wieder völlig erregt und laut angab, dass M. ihr das Handy gestohlen habe. Sie forderte von uns, man müsse die Polizei rufen. Und schon wurde es wieder extrem unruhig rund ums Suppenfahrrad. Sie war nicht zu beruhigen und wir weigerten uns, die Polizei zu rufen, da wir selbst ja nicht Zeuge waren und ihre Angaben dadurch nicht bestätigen konnten. Ein Streifenwagen, der in dem Moment durch die Fußgängerzone fuhr, sorgte letztendlich dafür, dass bei uns wieder Ruhe einkehrte, indem sie nun dort den Beamten ihr Leid klagte.
Wir sagten unseren Leuten auf dem Burgplatz Bescheid, dass wir da waren und sie kamen gleich und holten sich Suppe. Begeistert waren sie, als wir ihnen zum Nachtisch leckere Teilchen anboten. Mit Genuss aßen sie und viele nahmen dazu noch einen Becher Kaffee. Einige nahmen auch mit Freude unsere Aprikosen. So verwöhnen konnten wir sie schon lang nicht mehr und das „danke“ ließ sich gar nicht zählen. Alle konnten wir dann zusätzlich mit Brötchen für die Nacht und für den nächsten Morgen versorgen. Jeder konnte sich die Brötchensorte auswählen und wir packten einzelne Tüten für ihre Rucksäcke.
Wir trafen auch den jungen Mann wieder, der uns in letzter Zeit oft begleitet und uns einmal gesagt hatte, er lebe im Franz Sales Haus. Wie wir beobachtet es auch unser A. mit Sorge, dass er in den letzten Tagen immer mehr die Nähe und den Kontakt zu den Ofw’lern sucht. So setzte er sich auch auf dem Burgplatz dazu, um mit A. und P. Suppe zu essen. A., der wie ein Streetworker sich ja sowieso schon um alle anderen kümmert, hat ihn unter die Fittiche genommen und fragte dann äußerst geschickt in meiner Gegenwart nach dessen vollständigem Namen, was uns die Möglichkeit gab, uns heute mal beim Franz Sales Haus zu erkundigen. Leider hat das nichts ergeben. Dort kennt man ihn nicht. Wir halten diesen jungen Mann für sehr gefährdet und A. sieht das ganz genauso. Er habe A. sogar erzählt. Er wolle demnächst auf dem Burgplatz zelten. Wir bleiben dran, denn wir finden, darüber sollten seine Betreuer informiert sein. Mal sehen, ob wir am Samstag mehr herausfinden können.
Oben am Willy-Brand-Platz versorgten wir noch einige Leute mit Suppe und dem letzten süßem Gebäck. Auch konnten wir noch ein paar Leute mit Kleidung versorgen. Für C. hatten wir ein besonders schickes dunkelblaues T-Shirt, über das er sich sehr gefreut hat. Zwei Hunde waren ganz begeistert von unseren Leckerlis und dann vor allem von Cristinas Streicheleinheiten. Sie wollten gar nicht mehr weg vom Bollerwagen.
R., der recht niedergeschlagen von einem Krankenhausbesuch bei seiner Freundin kam, genoss unsere Nähe und hat sich ausgiebig mit unserem Hendrik unterhalten, tiefgehende Gespräche auch über Politik und Gesellschaft, wie man sie mit ihm so gut führen kann. Interessant war, dass er erzählte, dass das Sozialverhalten der Ofw’ler untereinander hier in Essen ein ganz anderes sei, als in anderen Städten, wo man sich gegenseitig betrügen und bestehlen würde. Das alles würde er hier in Essen so nicht erleben.
Leider ging uns dann das Gas aus und die Suppe wurde kalt. So konnten wir nicht mehr weiter verteilen. Während ein Teil des Teams das Suppenrad schon mal zurückbrachten und reinigten, sind die anderen mit dem Bollerwagen langsam zurück, um noch das eine oder andere Heißgetränk und die restlichen Brötchen zu verteilen. Unseren Leuten am Burgplatz brachten wir dann noch die letzten Aprikosen und ein paar Schokoriegel als „Betthupferl“ so sagten wir, aber eigentlich ist dieser
Ausdruck fast unpassend, bei unseren Lieben, die ja gar kein Bett haben. Als wir dort ankamen, fanden wir nur P. vor. Die anderen seien eben mal zum Internetcafe. Das erklärt, warum unser A. immer auf dem Laufenden ist, was bei EPA so aktuell ist.

Es war also wieder eine ereignisreiche Tour mit einem tollen Team (Ingrid, Famara, Solveig, Michael, Cristina Bea, Hendrik, Elli und Judith, nicht zu vergessen unser Micha, der das Gebäck lieferte). Erst beim Schreiben wird mir bewusst, wie viele schwierige Situationen, existenzielle Bedürfnisse, Arbeit und belastende Situationen dieser Abend innehatte. Es hat sich auf viele Schultern verteilt und war dadurch für uns gut zu meistern. Auf ein Neues!  ;-)


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