Essen packt an!

Warm durch die Nacht - Tourbericht 15.06.2016 von Judith

- Stehen in einer Tour –die „Steh-Tour“ –



Früh trafen Kerstin und ich uns am Schuppen. Auch unser treuer Micha war, wie immer, zuverlässig an unserer Seite. Eigentlich war gar nicht viel vorzubereiten. Das Fahrrad musste angeheizt werden. Wegen der angekündigten Schauer hatten wir beschlossen, keine Kleidung mitzunehmen. Wie oft war sie uns bei Regentouren nass geworden und musste deshalb jeweils gewaschen und getrocknet werden. Das wollten wir dieses Mal vermeiden. Also packten wir nur Hygieneartikel und Hundefutter auf den Bollerwagen und warteten dann auf die Zulieferung des Essens und des Gebäcks.

Nicole kam schließlich und brachte uns aus Kettwig das Essen vom Sengelmannshof. Es gab leckeren Kartoffeleintopf mit Fleischwursteinlage. Elke brachte die gespülten Einsätze von der letzten Tour, sodass Nicole sie gleich für das nächste Mal mitnehmen konnte. An dieser Stelle danke an Nicole und an ihren kleinen Philip fürs geduldige Warten.

Dann kam noch Petra zur Verstärkung dazu und so waren wir mit

ihr, Kerstin, Elke, Micha und mir ein recht gut aufgestelltes Team und vor der Tür standen schon weitere aus dem Kreis unserer Gäste, die extra gekommen waren, um beim Ziehen und Schieben zu helfen.

Als wir gerade aufbrechen wollten, kam unser Micha mit dem Gebäck von Bäckerei Gebr. Förster gbr. Als er die Kofferraumhaube öffnete, stockte uns einen Moment der Atem: Unmengen von Brot und Gebäck brachte er uns. Also packten wir doch noch schnell die Portionstütchen, luden alles auf den Wagen und brachen dann auf.
Wir hatten uns vorgenommen, zunächst unter dem Vordach der Gertrudiskirche Station zu machen und dort, regengeschützt, abzuwarten, wie das Wetter sich entwickelt. Unsere Leute wissen eigentlich inzwischen, dass wir bei schlechtem Wetter dort zu finden sind.
Aber schon auf dem Weg zum Rheinischen Platz hörten wir, wie schon am Freitagabend, ein lautes Knacken am Rad des Bollerwagens. Als wir dem auf den Grund gingen, stellten wir leider fest, dass das Radlager eines Rades kaputt war. Wir hatten Sorge, dass des Wagen nicht durchhalten würde und wir am Ende wohlmöglich alles tragen müssten, insbesondere deshalb, weil K., als er uns entgegenkam, gleich meinte: “Wenn ihr damit noch lange fahrt, schlagt ihr euch auch noch die Felge aus.“ Somit stand fest, selbst wenn es aufhört zu regnen, werden wir nicht durch die ganze City ziehen, sondern eine „Steh-Tour“ vor der Gertrudiskirche machen.

Wir waren kaum dort angekommen, da bildete sich auch schon gleich eine Schlange am Suppenfahrrad. Mit großem Appetit aßen sie vom Kartoffeleintopf und viele nahmen gerne einen Nachschlag. Elke verwaltete das Suppenfahrrad, Petra kümmerte sich um die Heißgetränke und Kerstin, Micha und ich um Gebäck und Brot.
Als der erste Andrang nachließ, machten Micha und ich uns auf den Weg hoch bis zum Willy Brandt Platz, um auch denen Bescheid zu geben, die noch nicht bei uns waren.
Gegenüber vom Dom saß ein Pärchen mit ihrem Hund und als wir sie einluden, runter zum Suppenfahrrad zu kommen, rief sie gleich aus, sie habe wahnsinnigen Hunger. So konnten wir beide versorgen und auch der Fellnase Gutes tun.
Auch oben am Aufzug auf dem Willy Brandt-Platz standen viele und als ich erklärte, sie müssten heute runterkommen, da wir mit dem kaputten Bollerwagen nicht zu ihnen raufkommen könnten, meinte einer: „Dann nimm doch den Aufzug.“ ;-)

Als Micha und ich zurückkehrten, war sogar Sonne zu sehen, aber irgendwie regnete es dennoch weiter. So fühlten wir uns alle unter dem Dach gut aufgehoben.

So eine „Steh-Tour“ hat auch Vorteile. Die Leute verweilen länger bei uns und dadurch hat man viel mehr Zeit für Gespräche.

M. machte einen ganz bedröppelten Eindruck und als ich ihn darauf ansprach, erzählte er, dass er am Vorabend jemanden kennengelernt habe, bei dem er die Nacht, die dann wohl feuchtfröhlich war, verbracht habe. Morgens habe er dessen Wohnung verlassen und sie hätten abgemacht, dass dieser um 19 Uhr zum Suppenfahrrad komme. Nun sei er aber nicht da und M. wusste die Adresse nicht mehr und hatte auch keine Ahnung mehr, wie er dort hinkommt. Dort lägen aber noch seine ganzen Sachen, z. B. auch Rucksack und Schlafsack, die er kürzlich erst von uns erhalten hatte. Wir hoffen, dass er dieser neuen Bekanntschaft abends noch begegnet ist und dieses Problem hat lösen können.

J. saß nach dem Essen noch lange bei uns, vertieft in ein Buch. Er erklärte, dieser Roman aus dem Jahr 1969 über Atomkraftwerke, sei am Anfang ja recht spannend gewesen, aber jetzt zum Ende hin langweilig. So kamen wir ins Gespräch über Lieblingsbücher und Filme und auch Schauspieler. Er sei einmal dem Schauspieler Jürgen Prochnow begegnet und sei ganz erstaunt gewesen, wie klein und „schmächtig“ dieser sei, er wirke im Film doch so ganz anders.

U. fühlte sich für uns verantwortlich und wollte uns beschützen. Deshalb fragte er immer wieder, wie lange wir noch bleiben, denn er sei eigentlich müde, wolle uns aber nicht alleine lassen. Auch hatte er große Sorge, dass wir vielleicht noch mit dem Bollerwagen Schwierigkeiten kriegen könnten und wir dann Hilfe bräuchten. Sie sind einfach großartig, unsere Jungens! :-)
Und dann erfuhren wir von einer Frau, die regelmäßig bei uns essen kommt, dass dienstags an derselben Stelle, an der wir gerade standen, die Kirchengemeinde Gertrudis Lebensmittel von der Tafel verteilen würde. Sie habe am Vortag köstliche Wurst bekommen, erzählte sie begeistert. So käme sie gut durch die Woche.

Elke hatte inzwischen beide Behälter ausgeteilt und auch noch 5 Konservendosen nachgefüllt.
Auch diese waren inzwischen verteilt.
Viele Heißgetränke wurden von Petra ausgeschenkt und wir hatten sogar noch einmal von einem unserer Gäste heißes Wasser nachholen lassen. Er hatte Beziehung zu einem Lokal in der Nähe und besorgte das ganz bereitwillig für uns.

Nur der Bollerwagen war jetzt noch ziemlich voll, obwohl wir an alle sehr großzügig Brot verteilt hatten. Also zog Kerstin mit Chucky, der inzwischen zu uns gestoßen war, los und brachte eine große Tasche voll mit Brötchen und Stuten zum Raum 58, wo es sehr dankbar angenommen wurde.

Ich rief meinen Mann an, damit er Platz in der Tiefkühltruhe schafft und nahm das restliche Brot mit. Es wird dann für eine spätere Tour wieder aufgetaut.

Ihr seht also, auch „Steh-Touren“ haben was Gemütliches und Entspannendes, man verbringt dann noch viel mehr Zeit miteinander. Es war ein schöner Abend, mit vielen Gesprächen und wir haben auch viel miteinander gelacht.
Zufrieden ging es heim.

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