Essen packt an!

7. Internationale Bürgermeisterkonferenz: Eine Reise nach Wien, um die Welt und ins eigene Ich.

Vor einigen Monaten waren wir alle geflasht, dass wir zur 7. Internationalen Bürgermeister-Konferenz von NOW eingeladen wurden, um Essen packt an! als ein „Promising Practice“ (vielversprechende Praxis) vorzustellen und zu zeigen, wie das soziale Netzwerk seinem Namen mal wirklich Ehre macht und Menschen positiv zusammenbringt.

Für uns, für mich begann Neuland.
Die Reise mit Flug & Hotel wurde von den Organisatoren perfekt realisiert. Der Veranstaltungsort Expedithalle lag nur 3 Haltestellen vom Hotel entfernt. Auf dem Weg dahin schon die erste Überraschung: Die Straßenbahn hatte die Werbung von „ Too Good To Go „ auf voller Breitseite. Das wäre auch in

Essen cool, oder? Liebe Ruhrbahn GmbH denkt mal drüber nach. Wir können uns gerne über Werbefreiflächen für‘s Ehrenamt oder sinnvolle Initiativen austauschen.

Am Sonntagabend gab es „nur“ ein Come together und Dinner. Allerdings konnte ich schon die ersten Kontakte nach Ostdeutschland, in die Niederlande, nach Spanien und Italien knüpfen. Petra aus den Niederlanden versprach auch, meine Präsentation am nächsten Tag zu besuchen. Und sie hielt Wort. Der Kurzüberblick schien seine Wirkung nicht verfehlt zu haben.

Der nächste Tag war von vielen sogenannten „Sparkling Inputs“ und den 20 „Promising Practices“ geprägt. Die Sparkling Inputs wurden von Persönlichkeiten vorgetragen, die mit ihren Lösungsansätzen die Welt garantiert besser machen. Es waren Bürgermeister, Uni-Menschen, Einzelkämpfer. Vielen dieser Vorträge konnte ich glücklicherweise auch folgen und habe vieles gelernt. Auch, dass sich mein Denken in bestimmten Situationen ändern sollte, vielleicht sogar muss. Ich habe ein hohes Gerechtigkeitsempfinden. Aber das heißt nicht gleichzeitig Frieden. Frieden erreicht man damit nicht unbedingt.

Am Abend gab es noch eine praktische Übung: Blindes Tanzen. Ja, ihr lest richtig. Es wurde mit Augenklappe getanzt. Und, was soll ich sagen? Ich bin immer noch ein grottenschlechter Tänzer. Beim Tango, bei dem der Führende sehen durfte, habe ich meine Persönlichkeit wiedererkannt. Ich kann nicht „geführt“ werden. Aber wer sich von mir führen lässt, vertraut mir nach einigen Sekunden blind. Auch ohne Augenmaske. Dass ich mit dieser Rolle hadere und mich nicht wohlfühle, wissen ja die meisten von euch.

Meine 5 x 18 Minuten für „Promising Practice“ brachten uns den Kontakt, bei einem Projekt mit Leipzig, Berlin sowie Pittsburgh, Washington und Austin in den USA mitzuwirken. Es geht um‘s Lernen & Digitalisierung. Wäre schön, wenn Essen und speziell wir Partner dafür werden.

Der Dienstag war anfänglich etwas hektisch. Ich sollte ein Interview geben, allerdings verschob sich meine Startzeit, weil ich das Interview lieber in Deutsch geben wollte. Die Hauptsprache die Tage über war Englisch. Einige Sparkling Inputs wurden übersetzt. Zu jeder Zeit wurden 5 Übersetzungen angeboten.
Viele Themen behandelten noch Flüchtlinge oder Migration primär; ich würde mir bei kommenden Kongressen mehr Beachtung für die Themen „Gender“ und „Obdachlosigkeit“ sehr wünschen. Mich freut auch, dass Wien „Housing First“ realisieren möchte. Auch wenn ich unterschiedliche Meinungen zum Thema Obdachlose speziell in der Stadt Wien auf dem Kongress gehört habe. Da ich aber im Anschluss an die Konferenz noch 2 Tage beruflich länger blieb, konnte ich mir ein eigenes Bild dazu machen.
Was aber ganz klar wurde, ist: Der Schlüssel für Integration und Miteinander ist Teilhabe! Ob kulturelle, soziale, sportliche oder andere Teilhabe. Gemeinsam etwas machen wirkt! Und wer weiß das besser als wir! Nicht grundlos ist „Kulturteilhabe“ ein Menschenrecht und Ausdruck von Würde.

Der dritte und letzte Tag ging so auch allmählich zu Ende. Für mich war es deshalb Zeit, ein anderes Hotel aufzusuchen. Ich wollte für die Eindrücke auch hier einen Schnitt machen. Neues Hotel und schon entdeckte ich den ersten Obdachlosen. Ich weiß nicht, ob Bettelmafia oder „echt“ obdachlos. Ich merke aber, dass ich zunehmend mit anderen, offeneren Augen durch die Welt laufe. Ich habe kein Problem, in meinem bisherigen Leben 200 oder mehr Euro für 2 Essen auszugeben, kenne aber die andere Seite der Medaille. Ich wollte mich nie vor gesellschaftlichen Problemen verstecken. Aber mit über 2000 ehrenamtlichen Anpackern ist es nicht nur eine Chance, sondern ein guter Anfang, die Welt zu einem besseren Ort für viele, für alle zu machen.
Wien gilt übrigens als „lebenswerteste Stadt in der Eurozone“. Okay, auch Kopenhagen ist sehr weit oben, in Europa sind es sonst nur noch Oslo & Zürich, die diese Titel immer wieder gewinnen.

Schon auf dem Kongress wurden wir als „Ambassadors for a better world“ (Botschafter für eine bessere Welt) bezeichnet. Bei so einem Titel läuft mir ein Schauer den Rücken runter. Was haben wir nach fast 6 Jahren alles geschafft.

Der Mittwoch war beruflich geprägt, das ein oder andere Interessante ist mir auch aufgefallen. Dass Wien als lebenswert gilt, hat auch mit städtebaulichen Maßnahmen zu tun. In jedem Bezirk gibt es Wohnungen der Stadt. Diese sind akzeptabel und bezahlbar und senken das Mietniveau sowie existierende Mietpreisbremsen oder staatlich diktierter Rabatt bei Befristung der Mietlaufzeit senken die Mieten. Alles spannend und regt zum Nachdenken an.

Am Mittwoch hatte ich viel erledigen können, sodass ich am Donnerstag zum Stephansdom, in die Innenstadt von Wien, wollte, um mir die Sehenswürdigkeiten anzuschauen. Ich überlegte, wie ich das anfange. Als Idee hatte ich, der erste Obdachlose bekommt 20 Euro in die Hand und soll mir seine Stadt zeigen. Sowohl Sehenswürdigkeiten, als auch Plätze, die er für interessant hält. Entweder hatte mich der Mut verlassen oder ich hatte nicht den RICHTIGEN gefunden. Es ist mir auch klar, dass Touristenhochburgen wie Wien zu vielen Arten von Kleinkriminalität einladen. Ich, eigentlich jeder, sollte stets vorsichtig sein. Aber eigentlich bin ich nicht ängstlich.
Ein bisschen irrte ich umher und frühstückte dann in einem Café. Dort schrieb den ersten Teil meines Berichts. Ich bin nur nicht so gerne Schreiberling, weil mir oft die Kreativität fehlt. Irgendwie nur nicht bei diesem Text. Es muss an Wien liegen. Bestimmt.

Wieder zurück zum Stephansdom. Nachdem ich in die Peterskirche gegangen war, habe ich mir auch den Stephansdom von innen angeschaut. Dort sprach mich ein Herr mittleren Alters an, ganz höflich, er sei obdachlos und ob ich ihm was gebe. Im Dom. Habe ihm einen Kaffee angeboten, er lehnte ab und sagte, dass er es für die Apotheke brauche. Um Krebsmedikamente zu bezahlen. 24 Euro. Ich gab ihm mein ganzes Kleingeld (1 Euro), auch in dem Wissen, dass es eine erfundene Mitleidsgeschichte sein könnte. Beim Rausgehen überlegte ich: War das vielleicht der Obdachlose, den ich als Stadtführer engagieren sollte? Nach kurzem Zögern ging ich weiter.
Hinauf die Kärntner Str., die Haupteinkaufsstraße in Wien. Ich ging in eine Seitengasse mit einer weiteren Kirche, St. Anna. Als ich aus ihr rauskam, sprach mich ein hagerer Mann, Mitte/Ende 20 an, ob ich ihm was zu essen kaufen könne. Eine Bratwurst. Er habe seit 2 Tagen nix gegessen. Trotz eines mulmigen Gefühls, bedingt durch die Seitengasse und wo er mit mir entlangging, ging ich mit. Wir kamen ins Gespräch. Er ist aus Sofia, wurde mit Arbeit hergelockt. Wurde aber nie bezahlt, landete auf der Straße und schläft jetzt im Park oder im U-Bahnhof. Er hätte sich über 50 Euro für ein Flixbus Ticket sehr gefreut. Ich kaufte ihm nur die Bratwurst für 5,60 und ging weiter.

Und schon wieder überlegte ich: War das der Obdachlose, der mir seine Stadt zeigen soll? Nein, der kannte nur seine Schlafplätze, keine Hilfsangebote waren ihm bekannt. Ich landete dann im Café Sacher, wo ich mir zwei Melange zu je 5,90 Euro gönnte und schrieb meine Zeilen bis hierher auf. Es bewegte mich viel und Reflexion/Selbstreflexion kann mitunter sehr anstrengend und belastend sein.
Auf dem Weg zur U-Bahn sprach mich der nächste Obdachlose an, Zeitungsverkäufer. Er hatte an dem Tag noch nichts verkauft und musste 55 Euro Strafe zahlen, weil er die Zeitung verkauft. Ob die Story stimmt? Keine Ahnung. Kein Staat und erst recht nicht viele kümmern oder bekämpfen die Obdachlosigkeit mit gleichen, wirkungsvollen Mitteln.

Um 17 Uhr ging mein Flieger zurück, aber Wien werde ich nicht so schnell vergessen. Ich habe innerhalb von ca. 100 Stunden so viel gelernt und erfahren. Das nächste Mal komme ich nicht alleine, um diese lebenswerte Stadt nach Einführung von Housing First neu zu bewerten. Was kann ich Wien geben? Die Idee „Wien packt an!“ Ist das ein fairer Deal?

Was ich schade finde, ist, dass ich als einziger Stellvertreter für über 2000 Ehrenamtliche anwesend war. Ich hoffe, dass wir wieder eingeladen werden und mit mehr Ehrenamtlern teilnehmen können.
Für eine Reise nach Wien, um die Welt und ins eigene Ich.
#nowconf

Tags: Essen packt an, Ehrenamt, Konferenz, Wien, Social Media, Präsentation


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