Essen packt an!

Warm durch die Nacht - Tourbericht 31.07.2015

Zum Monatswechsel rechnen wir immer mit weniger Leuten. Bei Vielen hat es dann Geld gegeben und sie scheinen dann nicht ganz so auf unsere Hilfe angewiesen zu sein. Aber uns war schon vor Tourbeginn bewusst: die Menschen, denen wir dieses Mal begegnen, das sind die, die durch jedes Sozialnetz fallen und deshalb besonders bedürftig sind.
Und so wurde es eine ganz besondere Tour mit ganz besonderen Menschen und ihren Schicksalen.
Für diese Tour bekamen wir frische Suppe aus dem Café Nord, so dass wir vorher eigentlich nur das Fahrrad und den Bollerwagen richten mussten, was allerdings dann doch aufwändiger wurde, als gedacht, dadurch, dass der Regen der letzten Tage unser Suppenfahrrad, trotz Plane, völlig unter Wasser gesetzt hatte. So mussten wir es dann doch nochmal auseinandernehmen, um alle Behälter trockenzulegen.  Eiligst packten wir dann Kleidung und Schuhe, Hundefutter und Hygieneartikel auf unseren Wagen und Famara füllte die Wärmebehälter mit Wasser auf. So kamen wir gerade noch rechtzeitig, um die köstliche Gemüsesuppe aus dem Nord abzuholen. Dort trafen wir den Rest des Teams und füllten Hackenporsche, Rucksäcke und die Seitenkörbe unseres Bollerwagens mit den Bäckerei-Spenden und mit Äpfeln. Schon gleich vor Ort konnten wir dann die ersten Portionen ausgeben, dadurch, dass die Suppe ja direkt heiß eingefüllt worden war.
Wir liefen weiter zur Marktkirche und wurden von zwei Männern, die dort auf der Treppe saßen laut und freudig begrüßt: „Seid gegrüßt und herzlich willkommen, ihr Engel!“ Direkt erhoben sie sich, kamen zu uns und ließen sich versorgen. Auch unser S., der inzwischen eine Wohnung hat, freute sich, uns zu sehen. Er ist weiterhin täglich in der Stadt .  „Ich muss ja arbeiten!“ so sagte er uns und wies auf den Becher in seiner Hand, mit dem er versucht, von Passanten Geld zu bekommen.
Mit Genuss aß er unsere Suppe, und als er mitbekam, dass wir Andere mit Kleidung versorgten, fragte er, ob wir nicht auch für ihn weitere schwarze Shirts oder Hosen hätten. Da wir ihn aber in letzter Zeit häufiger Kleidung gaben  und er dadurch eigentlich gut ausgestattet  sein müsste, erklärten wir ihm, dass wir jetzt auch andere Menschen versorgen müssten. Das sah er schließlich ein und war zufrieden mit ein Paar Socken und einem Paket Taschentücher, um das er uns bat. Gleich darauf tadelte er einen anderen jungen Mann, der die Suppe von uns einfach hatte stehen lassen, da sie ihm nicht schmeckte. Das ist typisch S.  Man kann ihm gar nicht böse sein, nein, eigentlich muss man immer ein wenig schmunzeln, ein lustiger Kerl, manchmal wie ein kleiner Junge. Später sollte es noch zu einer weiteren lustigen Begegnung mit ihm kommen.
Dann machte mich plötzlich  Vroni auf einen Mann aufmerksam, der bei ihr am Suppenrad stand, tränenüberströmt. Seine Mutter war gestorben und er verzweifelt. Nur mühsam unter Schluchzen erzählte er dann, dass er wohl am Sterbebett gesessen hat. Das Gespräch war ein wenig schwierig, da er auch stark alkoholisiert war. Nach und nach bekam ich heraus, dass sie in Köln beerdigt wurde und er nun keine Möglichkeit hat, ihr Grab zu besuchen, da ihm das Fahrgeld fehlt. Als ich ihn trösten wollte, krallt er sich plötzlich

wie ein Ertrinkender an den Gurten meines Rucksacks fest. In meinen Armen weinte er bitterlich und erklärte immer wieder, dass er ihr gesagt habe, er käme schnell hinterher. Wenn er eine Pistole hätte, er würde sich in den Kopf schießen. Ich fragte ihn nach seinem Alter und sagte ihm dann, dass seine „Mama“, so sprach er selbst von ihr, mit Sicherheit  von Oben zusieht und nicht wollen würde, dass er nun mit 48 Jahren sein Leben wegwerfe. Ich schlug ihm vor, mit ihm gemeinsam in der Marktkirche eine Kerze für sie anzünden  zu gehen, aber er winkte nur ab und sagte, das tue er doch sowieso jeden Tag im Dom. Ehe ich mich versah, drückte er mir einen Kuss auf die Wange und ging davon mit den Worten „ Das ist doch alles Scheiße, so!“  Wir blieben ratlos zurück. Er war nicht länger im Gespräch zu halten. Wir hofften zwar, ihn später nochmal zu treffen, das war aber dann leider nicht so.
Am Kennedyplatz war eine Großveranstaltung, so dass wir dort keine uns bekannten Leute fanden.
Ein Mann fiel uns auf, der Pfandflaschen sammelte und aus jeder den Rest trank. Wir sprachen ihn an und machten ihn auf unser Suppenfahrrad aufmerksam. Etwas irritiert kam er dann zu uns, er kannte uns wohl noch nicht. Suppe lehnte er ab, aber er ließ sich  Obst, Gebäck und etwas Kleidung geben. Nachdem wir alle versorgt hatten, zogen wir weiter zum Dom. Wir müssen jetzt oft einmal über den Burgplatz, um unseren Leuten Bescheid zu geben, dass wir da sind, denn sie haben sich dorthin wegen Polizei und Ordnungsamt zurückgezogen.
Dort fanden wir dann A. und P. Wir waren baff, was die beiden dort veranstaltet hatten: P. fragte uns „Na, wie sehe ich aus“ und es stellte sich heraus, dass A. ihm gerade die Haare geschnitten hatte und das noch mit einer Haarschneidemaschine, die neben ihm lag. „Ich bin leider noch nicht ganz fertig geworden, der Akku ist alle. “ sagte A. und im Scherz „Wenn ihr vielleicht ein paar Tüten Strom auf dem Bollerwagen dabei hättet?!“ Wir alberten ein wenig und ich erklärte ihm, dass wir den Strom bereits an der Marktkirche verteilt hätten und dort die Leute jetzt voller Energie seien.  ;-)
Bewundernd sage ich zu ihm „was du alles machst, jetzt bist du auch noch Friseur, … und unser Streetworker und …“    „… ja und Psychologe und Kreditgeber“ ergänzte er daraufhin selbst. Und es ist wirklich so:  A. kümmert sich rührend um die Belange der anderen und passt gerade auf unseren P. besonders auf. Wenn wir jemanden suchen oder uns Sorgen machen, brauchen wir nur A. fragen. Er weiß immer bestens Bescheid.
P. kam nun zum Suppenfahrrad, besorgte für sich und A. Suppe, Obst und Gebäck. Ihn selbst konnten wir mit einigen Kleidungsstücken versorgen. Eine urige Freundschaft zwischen den Beiden! Sie sind so verschieden aber irgendwie haben sie sich gefunden und geben sich offensichtlich gegenseitig Halt.
Auch unsere kleine Asiatin nahm wieder dankbar von unserer Suppe und freute sich riesig, als wir ihr dann auch noch Gebäck und Obst reichten. Sie spricht kein Wort Deutsch, aber bedankt sich jedes Mal überschwänglich mit Gesten und Verbeugung. Offensichtlich ein Beispiel von Altersarmut, wie wir es schon so oft auf unseren Touren erlebt haben.
Oben an der Post waren längst nicht so viele Leute, wie sonst. Ein Streifenwagen hatte sich so positioniert, dass er den gesamten Willy-Brand-Platz überwachen konnte. Es war fast zu vermuten, dass sie wieder einmal Platzverbote erteilt hatten.
Unsere vertraute Stammkundschaft war dieses Mal gar nicht da. J. haben wir schon länger nicht gesehen und wir vermissten auch R., der sonst eigentlich jeden Abend bei uns ist. Noch während wir an der Post standen, erhielt ich dann aber über FB Nachricht von ihm, dass er auswärts bei seiner Freundin im Krankenhaus sei. Er hat große Sorgen um sie und wir hoffen, dass das nicht bedeutet, dass sich ihre gesundheitliche Situation verschlimmert hat.
Wir liefen noch ein Stück rauf hinter den Bahnhof, um zu sehen, ob dort vielleicht noch Leute waren, die etwas bräuchten oder Hunger hätten.
Auf dem Rückweg in der Unterführung sprang uns plötzlich unser lustiger S. in den Weg und hielt uns seinen Becher unter die Nase. Als er uns erkannte, zuckte er zusammen. Mit uns hatte er wohl nicht gerechnet.  :D   Er bekam mit, wie wir Andere ansprachen, ob sie noch zur Post kommen wollten, um sich Suppe, Obst, Brot oder Kuchen zu holen. „Kuchen?!  Davon habt ihr mir ja  gar nichts gesagt!“ grinste er und kündigte an, auch nochmal zum Suppenfahrrad zu kommen, was er dann aber nicht mehr tat.
Der Ansturm an der Post hatte inzwischen nachgelassen und unsere Suppe war leer. So reinigten wir noch vor Ort unser Suppenfahrrad.  Auf dem Rückweg versorgten wir noch ein Musikerpärchen, er mit Gitarre und sie mit einer besonders schönen Stimme. Dankbar nahmen sie von uns Tee, Gebäck und Obst. Wir trafen R., der abermals nach einer Jeans fragte. Als wir ihn wieder enttäuschen mussten reagierte er etwas verärgert. Wir hätten jetzt schon so oft versprochen ihm eine zu geben. „Ich bin mal wieder zu spät. Die ich an hab, trage ich nun schon Wochen und die stinkt wie Hulle!“ Wir haben uns vorgenommen, beim Sortieren im Lager eine für ihn zurückzulegen, da er auch immer zu spät auf uns zukommt, wenn wir die meiste Kleidung schon an andere ausgegeben haben.
Vor dem Nord trafen wir J., der kürzlich seine Freundin verzweifelt suchte. Wir sprachen ihn an, was daraus geworden ist, in dem Wissen, dass sie schwanger von ihm ist und beide in großen Schwierigkeiten. Er erzählte uns, dass er bald einsitzen müsse und dass beide nicht wissen, wie es weitergehen soll. Er wünscht sich, dass sie mit uns mal spricht und sich von uns beraten lässt, an wen sie sich wenden kann. Ganz große Angst haben beide vor dem Jugendamt. Wir wollen da am Ball bleiben, da wir uns auch Sorgen machen, dass J’s. Freundin auch nicht medizinisch betreut wird.
Ganz am Ende, als wir eigentlich gedanklich schon beim Feierabend waren, kam plötzlich ein Mann auf uns zu und fragte nach einer Decke oder Schlafsack. Er besäße nichts mehr, es sei ihm alles gestohlen worden. Wir einigten uns darauf, dass wir uns aufteilen, Ingrid zum Lager, um noch einen Schlafsack für ihn zu holen und der Rest des Teams zur Station unseres  Rads und Wagens. Die Wartezeit verkürzten wir ihm, indem wir ihn noch mit Gebäck und Obst versorgten. Unendlich dankbar war er, dass wir ihm in dieser Notsituation helfen konnten. So war die Tour von Anfang bis Ende geprägt von Begegnungen mit Menschen in höchster Not.
Wie gut, dass wir mit einer großen Gruppe  unterwegs waren, Hand in Hand arbeiteten und uns bei diesen teilweise heftigen Erlebnissen gegenseitig stützen konnten. Auch das anschließende Gespräch und das Revue- passieren- lassen hilft uns allen, dass man diesen ganzen Kummer und diese großen Sorgen der Menschen nicht mit nach Hause nimmt. Und am Ende bleibt das Gefühl, dass wir alle gemeinsam stark waren und so viel tun konnten. Ein tolles harmonisches Team! Danke an jeden Einzelnen!


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